Schlüssel 3: Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst
Warum dieser Satz Schlüssel Nr. 3 zu meinem Selbstwert geworden ist, ist vielleicht etwas schwerer greifbar als bei Schlüssel Nr. 1 (Ich bin ein Subjekt und kein Objekt) und Schlüssel Nr. 2 (Ich darf hier sein). Die kurze Antwort lautet: Der Satz hat mir geholfen, eine Odyssee der Sinnsuche zu beenden, die für mein ohnehin angeknackstes Selbstwertgefühl nicht unbedingt förderlich war.
Die etwas längere Antwort: Ich habe Zeit meines Lebens nach Antworten gesucht auf die Fragen, wer ich wirklich bin und warum ich hier bin. Ja, ich bin definitiv eine Philosophin, die es liebt, über die Tiefe des Lebens nachzudenken und zu diskutieren. Das erklärt aber nicht die Verbissenheit und manchmal schiere Verzweiflung meiner Suche. Ich vermute viel eher, dass meine Suche ein Ausdruck davon war, wie sehr ich mich als unvollständig und nicht gut genug empfand und wie weit ich mich durch meine Ängste sowie meine Angepasstheit an andere Menschen und deren Bedürfnisse von mir selbst entfernt hatte.
Über die Suche nach meiner Bestimmung und Berufung habe ich auch in meinem Beitrag zu Schlüssel Nr. 2 (Ich darf hier sein) geschrieben. Dort geht es vor allem um den Aspekt der Daseinsberechtigung, ohne etwas dafür leisten zu müssen. Das Ganze hat aber noch eine weitere Dimension, nämlich die Frage nach Identität und Daseinszweck.
Seit es bei mir um die Studien- und Berufswahl ging – also seit ungefähr meinem 15. Lebensjahr – zermarterte ich mir das Hirn, was wohl meine Berufung sein könnte. Für mich war das Konzept immer total abwegig, sich mit einer freudlosen Tätigkeit seine Brötchen zu verdienen und Spass, Erfüllung und Sinnhaftigkeit in die Freizeit zu verschieben. Ich hatte – woher auch immer – schon seit jeher die Vorstellung, dass mein Beruf auch Berufung sein und quasi meinen Daseinszweck darstellen muss. Das, was ich beruflich tue, sollte Ausdruck davon sein, wer ich wirklich bin und für was ich stehe – was für ein Wahnsinnsdruck, by the way!
Nun, Spoileralarm: eine solche Berufung, welche die Fragen nach meinem wahren Ich, meinem Daseinszweck und dem Sinn meines Lebens beantwortet, habe ich bis heute nicht gefunden. Im Gegenteil: Ich habe in meinem ganzen bisherigen Berufsleben immer nur „Brötchenjobs“ ausgeübt, obwohl ich über Jahrzehnte intensivst nach dieser Berufung gefahndet habe.
Ein anderer Bereich, in dem ich mich auf der Suche nach dem Sinn meines Lebens und nach meiner Identität intensiv ausgetobt habe, ist die Spiritualität und Esoterik. Von Yoga, Meditation und Trancereisen über Kommunikation mit Geistführern und Schamanismus bis hin zu Astrologie, Numerologie und Human Design war so einiges dabei. Ich habe unzählige Bücher gelesen, Kurse gemacht und Readings gebucht. Ja klar, ich bin ein spiritueller Mensch (wie wir alle) und interessiere mich wirklich brennend für all die Themen, die ich vorhin aufgezählt habe. Da ist meiner Meinung nach nichts falsch daran. Dass es noch ganz andere Dimensionen gibt als diejenige, die wir unmittelbar mit unseren fünf Sinnen und unserem Alltagsbewusstsein wahrnehmen können, davon bin ich überzeugt. Und ich habe für mich ganz viele Antworten gefunden durch mein Suchen.
Aber: Spiritualität kann eben auch eine Vermeidungsstrategie und Realitätsflucht sein. Flucht vor dem Alltag, vor persönlichen und globalen Herausforderungen, vor Auseinandersetzungen, vor aktivem Handeln, vor sich selbst, anstatt sich dem zuzuwenden, was hier und jetzt da ist und – vielleicht – unbequem, unangenehm oder schmerzhaft ist.
Und warum hat mir Schlüssel Nr. 3 nun beim Thema Selbstwert geholfen? Über die Zusammenhänge habe ich eine ganze Weile gebrütet, obwohl ich in der Praxis ja die Auswirkung von Schlüssel Nr. 3 sehr wohl spüren konnte. Das Ganze ist ein perfider Mechanismus, eine richtig gemeine Falle: Mein fehlendes Selbstwertgefühl und das Verlorensein in mir selbst haben mich nach Sinn, Identität und Berufung suchen lassen, damit ich vollständig und gut genug werde und einen Daseinszweck erfülle, wenn ich denn mal gefunden hätte, nach was ich suche. Und so lange ich suchte, fühlte sich mein Leben an, als befände ich mich in einer Warteschlaufe. Oder als wäre ich mit angezogener Handbremse unterwegs. Ich habe mich so oft gefragt: Wann geht mein Leben endlich richtig los?
Das Fiese daran ist: Die Suche selbst war das, was mein Gefühl, noch nicht vollständig und noch nicht angekommen zu sein, aufrecht erhalten hat. Sie hat verhindert, dass mein Leben endlich losgehen kann (nicht, weil das Leben nicht bereits dagewesen wäre, sondern weil ich mich davon abgewendet habe). So lange ich suchte, fehlte etwas, also musste ich immer weitersuchen und konnte nicht sehen, was sich direkt vor meiner Nase befindet: Die Erfahrung des Lebens, meiner eigenen Lebendigkeit, das Erleben meiner Selbst im Hier und jetzt in allen Facetten.
Schlüssel Nr. 3 hat die Falle entschärft mit der glasklaren Botschaft: Was du suchst, ist bereits da, in dir und um dich herum. Die Warteschlaufe ist eine Illusion. Die Tatsache, dass du am Leben bist, ist gleichzeitig der Sinn deines Daseins und die Erlaubnis, es in vollen Zügen zu geniessen – nicht irgendwann, sondern hier und jetzt.