Schlüssel 1: Ich bin ein Subjekt und kein Objekt
Ich bin ein Subjekt und kein Objekt: Dies ist der erste von drei Schlüsseln zu mehr Selbstwert, die ich in den letzten Monaten für mich entdeckt habe. Es geht hier um etwas ganz Grundlegendes, nämlich einen Perspektivenwechsel, welcher bei mir eine komplette Umkehrung meiner Gefühle mir selbst gegenüber bewirkt hat.
Der kritische Aussenblick
Angefangen hat es mit der Erkenntnis, dass ich mich permanent von aussen beobachte und analysiere. Dieser Blick ist meistens nicht wohlwollend, sondern streng und kritisch. Wie mache ich mich? Wo gibt es etwas zu verbessern an mir? Was habe ich falsch gemacht? Habe ich etwas Doofes gesagt? Und wie sehe ich überhaupt aus? Wahrscheinlich kennst du das auch auf die eine oder andere Art. Wenn ich meine persönliche Geschichte und meine Prägungen und Glaubenssätze dazu nehme, ist diese ständige Aussenperspektive nicht weiter verwunderlich: es ist eine direkte Folge des Glaubens, sich Anerkennung und Liebe über Leistung verdienen zu müssen, von People Pleasing, von Perfektionismus, von der Angst vor Ablehnung und Verurteilung. Es ist aber auch ein kollektives Phänomen, dass Menschen als Objekte betrachtet und behandelt werden, die zu leisten und zu funktionieren haben, die es zu bewerten und zu optimieren gilt. Das wäre Stoff für mindestens einen weiteren Blogbeitrag.
Was siehst du im Spiegel?
Wie oft betrachtest du im Spiegel dein Gesicht als Ganzes? Wenn du so bist wie ich, dann lautet die Antwort: nie. Stattdessen werden einzelne Partien unter die Lupe genommen und genauestens analysiert. Wächst da irgendwas, was da nicht sein soll? Ist auch alles schön an seinem Platz, sauber, gepflegt und in Schach gehalten? Und was ist das für eine Falte, bleibt die jetzt so?!
Zum Glück habe ich das Selbstzerfleischende, das ich in der Pubertät und in den frühen Zwanzigern hatte, hinter mir lassen können. Vermeintliche Makel an meinem Aussehen betrachte ich heute wesentlich gelassener als dannzumal. Wenn ich daran denke, wie ich als junge Erwachsene manchmal in tiefe, schwarze Verzweiflung gestürzt bin, wenn etwas an mir nicht so war wie bei den wunderschönen Körpern, die ich in den ganzen Frauenzeitschriften gesehen habe… Internet gab es damals (glücklicherweise) noch nicht, aber Frauenmagazine habe ich verschlungen. Ich «wusste» daher sehr genau, wie mein Körper auszusehen hat, um schön oder zumindest akzeptabel zu sein.
Heute fühle ich mich sehr viel wohler in meiner Haut als früher und ich bin, was mein Aussehen betrifft, recht gut im Reinen mit mir. Schon allein deswegen möchte ich die Uhr niemals zurückdrehen. Wobei, das Thema Fitness und Schlanksein ist nach wie vor sehr wichtig für mich (manchmal vielleicht noch etwas zu sehr). Ich hänge mich zwar nicht mehr an Details meines Äusseren auf, aber um mich wohl und selbstbewusst in meinem Körper zu fühlen muss er schon in Form sein, und dafür tue ich auch viel. Wenn ich ein paar Mal über die Stränge geschlagen habe und gewisse Partien gefühlt mehr Volumen haben, als mir lieb ist, zehrt das schon an meinem Selbstbewusstsein. Gewisse Verhaltensweisen (wie z.B. das automatische Kalorienzählen beim Essen) habe ich über die Jahrzehnte dermassen verinnerlicht, dass ich sie wahrscheinlich nie mehr ganz ablegen werde, auch wenn sie sich deutlich abgeschwächt haben. Ich muss – und will – aufpassen, dass ich lieb zu mir und meinem Körper bin und nicht in den obsessiven Kontrollwahn der Vergangenheit zurückfalle.
Der Perspektivenwechsel
Aber zurück zum Ausgangspunkt: Der Perspektivenwechsel vom Objekt zum Subjekt bringt mich weg von diesem kritischen Aussenblick hinein in meinen Körper, in die Verkörperung. Die krasse Trennung von mir als externem Beobachter sowie meinem Körper und meinem Verhalten als Objekt hört auf. Ich fühle Präsenz, Erdung und Verbundenheit. Ich empfinde Mitgefühl und Liebe für mich und das Bedürfnis, mich permanent zu überwachen und optimieren löst sich auf. Stattdessen nehme ich mich als beseeltes, fühlendes Wesen wahr. Es lässt mich erkennen: Ja, ich bin wertvoll und liebenswert, ohne Wenn und Aber. Und das führt gleich weiter zu meinem Schlüssel Nr. 2: Ich darf hier sein.
PS: Die folgenden Differenzierungen sind mir wichtig:
- Die Fähigkeit, sich objektiv von aussen beobachten zu können, ist wichtig. Dissoziation vom Körper und den Gefühlen kann in bestimmten Situationen zudem ein überlebenswichtiger Schutzmechanismus sein.
- Auch in der Verkörperung läuft das beobachtende Bewusstsein immer mit. Es gibt kein Entweder – Oder, kein: entweder bist du verkörpert oder du beobachtest dich selbst. Mit Verkörperung bzw. Subjektsein meine ich einen Zustand, in dem beides gleichzeitig da ist: Verkörperung und Gewahrsein über sich selbst.