Drei Schlüssel für meinen Selbstwert
Mein Selbstwertgefühl war schon immer mein wunder Punkt und meine grösste Herausforderung, auch wenn das von aussen vielleicht nicht so offensichtlich ist. Es war mir lange auch selbst nicht klar, dass dort der Ursprung von vielen hinderlichen Verhaltensmustern, limitierenden Glaubenssätzen und unschönen Gefühlen liegt, gegen die ich irgendwie einfach nicht ankam, egal was ich probierte.
Kindheit und Jugend
Wenn ich an meine Kindheit und Jugend denke, überwiegt – obwohl es auch haufenweise schöne Erinnerungen gibt – das schmerzhafte Gefühl, nirgends richtig dazuzugehören, nicht gut genug zu sein, nicht hübsch genug auszusehen, nicht interessant und nicht lustig genug zu sein. Ich hatte grosse Angst vor Situationen, in denen ich mich irgendwie exponieren musste: sei es, etwas Kleines präsentieren zu müssen vor der Schulklasse, sei es, jemanden Fremdes anzusprechen. Die Angst war so gross, dass ich, als es um die Wahl einer Studienrichtung ging, meine Optionen danach ausgesiebt habe, wo ich gemäss Studienführer obligatorische Referate halten müsste und wo nicht. Von den Fachrichtungen, die mich wirklich interessiert hätten, ist dadurch leider keines übrig geblieben (macht nichts, rückblickend).
Angst vor dem Alleinsein
Ab einem gewissen Alter waren dann Jungs und später Männer mein Mittel, mich selbst zu validieren. Allein zu sein fühlte sich schrecklich an und bis Mitte 30 hatte ich fast durchgehend immer jemanden an meiner Seite, oft über kürzere Zeit, aber auch etliche mehrjährige Beziehungen. Ich habe mich verbogen und mir so einiges gefallen lassen, um nicht plötzlich allein dazustehen und mit dem Schmerz konfrontiert zu sein, nicht gut genug, nicht liebenswert zu sein (was sich natürlich trotzdem nicht vermeiden liess). Und über die Zeit habe ich mich selbst dabei immer mehr verloren.
Die erste grosse Lebenskrise
Mitte zwanzig war ich dann an einer Talsohle angelangt, wo nicht mehr viel ging und ich mir Unterstützung holen musste. Ich war gefangen in einem Job, der mich zu Tode langweilte und mir gefühlt jegliche Energie und Motivation aus dem Körper saugte. Die Beziehung mit meinem damaligen Freund war eine emotionale Achterbahnfahrt der Extreme: von rosaroter Verliebtheit inkl. Hochzeitsplänen bis zu Lügen, Betrug und Gaslighting war alles dabei. Ich war verzweifelt, hoffnungslos und habe eigentlich nur noch geweint.
Zum Glück bin ich durch den Tipp einer Freundin zu einer Therapeutin gelangt, mit deren Hilfe ich langsam wieder aus dem Loch herauskriechen konnte. Mit ihr zusammen habe ich meine ganze Kindheit beleuchtet mit allen Ereignissen und Gegebenheiten, die zu meinen Schwierigkeiten geführt hatten. Mein Interesse für Psychologie und Spiritualität war sowieso schon immer vorhanden – bereits als Teenager habe ich mich durch die Ratgeberliteratur unserer Stadtbibliothek gelesen. Mich hat Zeit meines Lebens alles angezogen, was mir irgendwie helfen könnte, mich besser zu fühlen, mich besser zu verstehen und herauszufinden, wer ich wirklich bin und warum ich eigentlich hier bin. Von daher war es für mich kein Müssen, mich mit meinen Mustern und Prägungen auseinanderzusetzen, im Gegenteil. Zudem war ich auch ganz einfach froh, etwas gegen meine Misere tun zu können.
In der Selbstoptimierungs-Falle
Und es hat nach den mehreren Jahren Coaching und Therapie auch nicht aufgehört: ich habe immer weiter an mir gearbeitet, mich reflektiert und analysiert im Glauben, mich optimieren und reparieren zu müssen. Dass ich damit unbewusst mein Gefühl, nicht vollständig und nicht gut genug zu sein, am Leben hielt, auf die Idee wäre ich nie gekommen. Richtig Fahrt aufgenommen hat es dann im Winter 2020, als wir alle wegen Corona zuhause gehockt sind und die Online-Coachings und Kurse wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Ich weiss nicht, bei wie vielen Kursen und Gruppen-Coachings ich mitgemacht habe, aber es waren sehr, sehr viele. Dabei habe ich enorm viel gelernt und profitiert (aber auch einiges an Geld in den Sand gesetzt für Angebote, die nichts als Schall und Rauch waren).
Der ganze alte «Mist» ist wieder da
Eine ganze Zeit lang habe ich in dem Glauben gelebt, das Thema mit meinem Selbstwert und den Mustern und Prägungen aus meiner Kindheit abgehakt zu haben. Ich hatte es schliesslich bis zum Vergasen durchgekaut, und irgendwann muss es ja auch mal gut sein und der Blick wieder nach vorne gerichtet werden. Bis im 2025 alles wieder hochgeploppt ist. Ich hatte schon die zwei Jahre davor zunehmend das Gefühl, nicht mehr zu wissen, was ich eigentlich will im Leben. Eine Orientierungslosigkeit kombiniert mit Freud- und Lustlosigkeit hatte sich breitgemacht, die nicht mehr verschwinden wollte. Letztes Jahr hat sich dann alles nur noch zäh und mühsam angefühlt. Ich hatte auf rein gar nichts mehr Bock und mein Leben schien nur noch in Grautönen vor sich hinzudümpeln. Es hat mich auf erschreckende Weise an die Zeit Mitte zwanzig erinnert.
Ich hatte das Gefühl, weder mich selbst noch mein Leben so weiter aushalten zu können, und plötzlich bin ich an allen Ecken und Enden wieder auf die alten, vermeintlich abgeschlossenen Themen zurückgeworfen worden. Mir kam die erschreckende Einsicht, dass vieles in meinem Leben gar nicht aus freiem Willen und nach meinen Wünschen gewählt ist. Dass alles irgendwie auf meinen Prägungen und Mustern aus der Kindheit fusst (sogar mein Interesse für Persönlichkeitsentwicklung und Potenzialentfaltung, was ich bisher immer als einen der wenigen roten Fäden und als etwas Positives in meinem Leben angesehen hatte). Dass mich diese Konditionierungen im Untergrund gelenkt und beeinflusst haben bei der Wahl meiner Lebensumstände und meine Entscheidungen nicht so frei waren, wie ich gedacht hatte.
Mit den Prägungen und Mustern meine ich in meinem Fall übrigens People Pleasing, Perfektionismus, den Glauben, irgendwie ein Mängelexemplar zu sein, das repariert werden muss. Angst vor Ablehnung, Angst, Fehler zu machen und verurteilt zu werden. Den Glauben, nur dann wertvoll zu sein und Liebe zu verdienen, wenn ich genug dafür geleistet habe (was nie der Fall ist). Bloss niemandem zur Last fallen, die eigenen Bedürfnisse zurückstecken und sie irgendwann gar nicht mehr richtig wahrnehmen.
Ich konnte gar nicht anders, als mich nochmals durch diesen Sumpf hindurch zu wühlen. Ja, ich weiss: die ganzen Verhaltensweisen hatten alle mal ihre Daseinsberechtigung und haben mich damals beschützt, aber es war mir wirklich dermassen zuwider, mir das nochmals anzusehen, insbesondere das Thema Selbstwert. Wie gesagt: irgendwann muss es doch mal gut sein, und wenn ich eines nicht will, ist, in Opferdenken zu verfallen. Und gleichzeitig waren dieser Unmut und diese Unlust für mich eindeutige Hinweise, dass es eben genau da nochmals hinzuschauen gilt.
Die Schlüssel, die ich für mich entdeckt habe
Jetzt – einige Monate später – sage ich: es hat sich gelohnt. Zunächst einmal hat es schon einen grossen Unterschied gemacht, mit 20 Jahren mehr Lebenserfahrung und Selbsterkenntnis noch einmal auf meine Geschichte zu schauen. Und es hat an einigen Stellen etwas «eingerastet»: Erkenntnisse sind aus dem Verstand auf die Körperebene gerutscht. Ich kann klar und deutlich spüren, dass sich etwas verändert hat in mir. Zum Beispiel: Ich spüre keinen Drang mehr, mich zu reparieren – diese innere Rastlosigkeit ist weg. Ich habe Lust, Neues auszuprobieren, etwas zu unternehmen, zu reisen. Ich spüre Mitgefühl für mich selbst. Mein Tatendrang und Energie sind zurück.
Was diese Veränderungen ermöglicht hat, kann ich nur vermuten. Ich tippe auf schonungslose Ehrlichkeit mir selbst gegenüber sowie die Bereitschaft hinzuschauen und durch all die Trauer und Wut und den Schmerz hindurchzugehen. Auf gewisse Weise habe ich kapituliert aus der Einsicht heraus, dass meine alten Mittel und Wege einfach wirklich nicht funktionieren. Dass ich so nicht mehr weitermachen kann und will. Ich glaube, ich konnte endlich loslassen. Und daraus sind sukzessive drei Erkenntnisse emporgestiegen, die sich für mich als Schlüssel zu meinem Selbstwertgefühl entpuppt haben:
Das tönt im ersten Moment vielleicht unspektakulär. Doch hinter jedem dieser drei kleinen Sätze verbirgt sich eine neue Welt für mich und eine neue Art des Daseins. Dazu aber an anderer Stelle mehr.